Ravenna: Kaiser, Künstler und Flamingos

R_9_Ravenna in Italien - Piazza Del PopoloBeitrag von Catharina Wilhelm. 
Die oberitalienische Stadt Ravenna hat bewegte Zeiten hinter sich: West- und oströmische Kaiser, Ostgoten, Langobarden, Venezianer und einige mehr – viele tummelten sich auf diesem wunderbaren Fleckchen Erde. Was blieb, sind wunderschöne Kunstwerke, der Charme der Landschaft und die Gastfreundschaft der Einwohner.

Ravenna liegt in der Emilia-Romagna nahe der Adriaküste. Schon die Anreise ist ein Genuss: Ich fliege über die noch verschneiten Alpen nach Bologna – von dort aus geht es weiter mit dem Zug, der mich 90 Minuten die typische flache Vorküsten-Landschaft genießen lässt.

Ravenna, ehemalige Residenzstadt byzantinischer Kaiser, zählt heute gut 100.000 Einwohner und präsentiert sich bei aller italienischen Basis-Quirligkeit überaus relaxed. In der Fußgängerzone befindet sich in der Straßenmitte ein breiter weißer Streifen, der ursprünglich für Radfahrer geplant war, jedoch auch bei Trolley-Ziehenden und Zehensandalenfans recht beliebt ist. Schon hier zeigt sich die Freundlichkeit der Einwohner: Statt wilden Gebimmels „si arrangia bene“ – man lebt mit- und nicht gegeneinander, überaus entspannt.

R_1_Ravenna in Italien - LeihfahrräderDie Stadt unterstützt das Radfahren sehr – so kann man nicht nur am Bahnhof Fahrräder klassisch mieten, sondern erhält im Tourismusamt gegen eine geringe Kaution einen Schlüssel und sich dann einen der (etwas schwereren) gelben Stadtdrahtesel kostenlos ausleihen.

Das „bici“ (ital. Fahrrad) lässt sich nicht nur für Besichtigung der Kulturschätze der Stadt gut nutzen, sondern auch für herrliche Ausflüge. In 20 bis 30 Minuten erreicht man den Strand und seine „Bagni“ – immer entlang des weiß gekennzeichneten Radwegs.

Das Essen in Ravenna ist sehr gut. Ich kann etwa das MoloTreZero sehr empfehlen – dort treffen sich die Einheimischen gerne mittags auf ein Fritto misto und genießen das selbstgebackene Fünf-Körner-Brot, das auch einen Schuss Kaffee enthält.

R_2_Ravenna in Italien - Pineta FlamingosWer seinen Waden etwas mehr zutraut, kann zur Basilika von Sant’ Apollinare in Classe und im Anschluss durch die schattige Pineta di Classe radeln. Der Ausflug ist wirklich lohnenswert: Dank der umsichtigen Hinweise und auch des Fernglases des liebenswürdigen Tourguides Giovanni von NatuRa kann ich neben Störchen, Reihern, Schwänen und vielen anderen Vogelarten sogar Flamingos beobachten!

Diese sind seit wenigen Jahren in den Brackwassergegenden rund um Ravenna heimisch. Zunächst erscheinen sie mir eher weiß, die nahrungsbedingte Rosafärbung ihres Gefieders erkenne ich erst, als sie ihren Formationsflug starten. Ein bezaubernder Anblick.

Der Pinienwald selbst hat ebenfalls viele Facetten zu bieten: einige der drei Pinienarten sind bis zu mehreren hundert Jahren alt, daneben gibt es Eichen oder auch Büsche mit Blüten, die an Zuckerwatte erinnern. Ab und an zeigt mir Giovanni sogar rosafarbene Wildorchideen (streng geschützt – Finger weg!). Er erklärt Fauna und Flora meist auf Englisch, die entsprechenden deutschen Namen zeigt der Biologe mir in einem Fachbuch.

Immer wieder radeln wir entlang idyllischer Kanäle mit Fischerhütten und kleiner Buchten. Allein der Blick bringt Kühlung ins hochsommerlich erhitzte Klima. Tipp: Nach Regentagen oder zu Sonnenauf- oder –untergang sollte man unbedingt ein Mückenschutzmittel auftragen.

R_3a_Ravenna in Italien - Spinaroni_BootGiovanni führt mich auch auf einer Bootsfahrt durch die Pialassa della Baiona, ein Naturschutzgebiet nördlich von Ravenna. Auf der winzigen Insel der Spinaroni lerne ich neben dem namensgebenden Sanddornstrauch auch Pflanzen kennen, die sich in und nahe dem Brackwasser (also einem je nach den Gezeiten variierenden Gemisch von Salz- und Süßwasser) behaupten können.

R_3b_Ravenna in Italien - Spinaroni_PartisanenflaggeIch lausche Erzählungen über eine Partisanengruppe, die 1944/45 von den kleinen Laguneninseln aus gemeinsam mit ihren Frauen ein ausgeklügeltes Informationssystem entwickelte und schließlich Ravenna von den Faschisten befreite.

Zurück in die Stadt. Überall werde ich dessen gewahr, dass sie als Kulturhauptstadt 2019 kandidiert: Logo-Badges liegen Kaffeetassen der Cafés bei und nicht nur auf der zentralen Piazza del Popolo wehen große Fahnen.

R_4a_Ravenna in Italien - SanVitale_TeodoraDie Chancen sollten doch wirklich gut stehen – gibt es doch hier ganze acht historische Stätten, die zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurden! Ich besichtige zunächst die achteckige Basilika San Vitale, die vor allem durch ihre auch nach gut 1.000 Jahren bestens erhaltenen Glasmosaike glänzt.

R_4b_Ravenna in Italien - SanVitaleUnglaublich hoch, unwahrscheinlich klar, durchzogen von unterschiedlichsten Stilrichtungen ist dieses Bauwerk – von der Basis bis zum Scheitel die hohe Expertise als Zentrum der Mosaikkunst unter Beweis stellend.

R_5_Ravenna in Italien - Galla PlacidiaUnmittelbar benachbart liegt das sehr viel kleinere Mausoleum der Kaiserin Galla Placidia (die dann aber doch in Rom ihre letzte Ruhestätte fand) – ebenfalls ein mosaikales Kleinod voller frühchristlicher Symbole.

Auch Gotenkönig Teoderich ließ sich ein monumentales, heute jedoch leeres Grabmal in Ravenna errichten. Besonders beeindruckend: Es wird von einem riesigen Monolithen bedeckt.

R_6_Ravenna in Italien - Dantes GrabDante Alighieris letzte Ruhestätte befindet sich ebenfalls hier, wenn auch etwas bescheidener. Der große Dichter starb in Ravenna kurz nach Vollendung seiner „Göttlichen Komödie“ – die Florentiner, mit denen er ehedem etwas im künstlerischen Clinch lag, scheinen ihm das bis heute übel zu nehmen.

Überaus charmant finde ich die Geschichte des Hauses der Steinteppiche: Es wurde erst vor wenigen Jahren entdeckt, als man ein Parkhaus errichten wollte. Da hatte doch glatt im fünften oder sechsten Jahrhundert ein reicher Bürger seine 14-Zimmer-Villa auf eine ehemalige Römerstraße gesetzt! Als Untergrund für die vielfältigen Bodenmosaike dienten da schon auch mal Amphorenscherben, die die Römer hinterlassen hatten.

R_7_Ravenna in Italien - Vier Jahreszeiten Domus TappettiDamit nicht genug: Im 15. und abermals im 18. Jahrhundert errichtete man schließlich eine Kirche auf dem Gelände! Besonders stolz erklärt mir Tourguide Rita das Mosaik der Vier Jahreszeiten: Es sei für die Zeit einzigartig, dass Figuren sich an den Händen fassten und so einen Kreis bildeten.

R_8_Ravenna in Italien - Dante TheaterAuch wenn ein Besuch Ravennas sicherlich zu jeder Jahreszeit lohnenswert sein dürfte – für Kulturliebhaber empfiehlt sich insbesondere der Juni. Das Ravenna Festival feiert 2014 sein 25jähriges Jubiläum und ich hatte während meines Aufenthalts gleich drei Mal Gelegenheit, Veranstaltungen zu besuchen.

R_8b_Ravenna in Italien - CherieDer erste Abend führt mich in das bezaubernde Dante-Alighieri-Theater zur New Yorker Ballett-Produktion Chéri, am zweiten genieße ich Terramara im Teatro Rasi (früher eine Kirche).

Den letzten Abend verbringe ich in der Osteria del Mariani, einem zum Erlebnisrestaurant umgebauten Kino, bei einem Jazzevent namens Cucina e Musica. Über gut angebrachte Spiegel kann ich neben der Musik und dem Essen auch verfolgen, wie die Köchinnen frische Pasta zubereiten – ein dreifaches Vergnügen also.

Am Abreisetag bummle ich noch ein wenig durch die Gassen, genieße ein Abschiedseis im Cafe Nazionale und besuche auf dem Weg zum Bahnhof noch die wunderschöne, von dem Ostgoten Theoderich beauftragte Basilika Sant’ Apollinare Nuovo.

Im Zug nach Bologna lasse ich all die bunten Mosaiksteinchen meines Besuchs in Ruhe Revue passieren, sie fügen sich zu einem schönen Gesamtbild zusammen. Grazie, Ravenna – sei molto bella!

Hinweis
Die Initiative DiRavenna hat mich zu dieser Reise eingeladen – vielen Dank dafür.

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Anja Beckmann

Reiseblogger bei Travel on Toast
Nach einem Jahr Weltreise bin ich jetzt hauptberuflicher Reiseblogger. Am liebsten machen mein Freund Carsten und ich Urlaub mit Hund Buddy. Ob nah oder fern, Städtereisen, Roadtrips oder Veggie Food - im Blog findet ihr Reisetipps, Reiseberichte und echte Geheimtipps. Über Instagram Stories nehme ich euch live mit.

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